Press release

Eine Studie in der französischsprachigen Schweiz belegt erhebliche und anhaltende Auswirkungen auf Psyche, Körper und Sexualität

Eine Studie in der französischsprachigen Schweiz belegt erhebliche und anhaltende Auswirkungen auf Psyche, Körper und Sexualität

Eine umfangreiche multizentrische Studie mit prospektivem Follow-up über 12 Monate, die zwischen 2022 und 2024 in der französischsprachigen Schweiz durchgeführt wurde, zeichnet ein alarmierendes Bild: Die Folgen sexueller Gewalt bestehen bei der Mehrheit der Betroffenen weit über die Akutphase hinaus. Psychische, somatische und sexuelle Beschwerden sind auch ein Jahr nach dem Übergriff weiterhin vorhanden. Die Studie und ihre Zusammenfassung stehen online zur Verfügung. 

 

Die Untersuchung wurde von den Universitätsspitälern Genf (HUG) in Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Lausanne (CHUV), dem Spital Wallis sowie fünf öffentlichen Spitälern im Kanton Waadt koordiniert. Sie folgt als zweite Projektphase im Anschluss an eine retrospektive Studie aus den Jahren 2018 bis 2021, die durch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) und die HUG finanziert wurde. Durch die Verknüpfung der unmittelbaren Befunde (retrospektive Phase) mit der mittel- und langfristigen Entwicklung (prospektive Phase) ermöglicht die Studie eine neue und umfassende Gesamtsicht auf die Folgen sexueller Gewalt in der Westschweiz. 

 

Neue Einblicke in das Erleben der Betroffenen 

Von 623 dokumentierten Fällen sexueller Gewalt zwischen November 2022 und Dezember 2024 in den teilnehmenden Spitälern erfüllten 454 die Einschlusskriterien. Davon stimmten 178 Personen (39 %) einer Teilnahme zu. Erstmals wurde ein systematisches Follow-up nach drei und zwölf Monaten durchgeführt, was einen bedeutenden Fortschritt in der Schweizer Forschungsmethodik darstellt. Die grosse Mehrheit der Teilnehmenden (177 Personen) identifizierte sich als Frauen, eine Person als Transmann. 

Wie oft in Längsschnittstudien bei Opfern sexueller Gewalt zu beobachten, sank die Zahl der Teilnehmenden im Verlauf der Follow-Up-Phase: nach 3 Monaten auf 85 % und nach 12 Monaten auf 49 % (dies entspricht 48 % bzw. 28 % der ursprünglichen Teilnahmequote). 

 

Eindeutige Ergebnisse 

Ein sexueller Übergriff stellt ein schwerwiegendes und langfristiges psychisches Trauma dar. Ein Jahr nach dem Ereignis leiden etwa sechs von zehn Betroffenen (57 %) an einer klinisch relevanten Angststörung, sieben von zehn Betroffenen (71 %) an depressiven Symptomen. Rund sieben von zehn Betroffenen (68 %) zeigen Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). 

Auch das Intimleben ist stark beeinträchtigt: Von den sexuell aktiven Personen berichten mehr als sechs von zehn (63 %) ein Jahr nach dem Übergriff über eine sexuelle Funktionsstörung, insbesondere in Bezug auf Libido, Erregung und Orgasmus. 

Darüber hinaus bestehen bei mehr als der Hälfte der Befragten weiterhin körperliche Beschwerden wie chronische Schmerzen, gastrointestinale Probleme, Schlafstörungen, anhaltende Müdigkeit oder Migräne. 

Ein erheblicher Anteil der Teilnehmenden (61 %) gab zudem an, bereits zuvor sexuelle Gewalt erlebt zu haben, was auf ein erhöhtes Risiko für eine wiederholte Viktimisierung schliessen lässt. Ausserdem wiesen 44 % der Personen bereits vor dem Übergriff eine medizinische oder psychiatrische Vorerkrankung auf, was zu einer erhöhten Vulnerabilität beitragen und Einfluss auf den weiteren Gesundheitsverlauf haben kann. 

Gemäss Prof. Jasmine Abdulcadir, leitende Ärztin und Verantwortliche der gynäkologisch-geburtshilflichen Notfallstation der HUG sowie Studienverantwortliche, «zeigen diese Daten, dass sexuelle Übergriffe ein bedeutendes und langfristiges Trauma darstellen, das bislang mangels entsprechender Längsschnittstudien weitgehend unterschätzt wurde. Sie machen deutlich, dass Handlungsbedarf besteht, da sexuelle Übergriffe Ereignisse mit vielfältigen, tiefgreifenden und anhaltenden Folgen sind, die eine koordinierte Prävention, eine langfristige Betreuung sowie eine umfassende Information der betroffenen Personen und ihres Umfelds erfordern.» 

 

Bestätigung der Ergebnisse aus der retrospektiven Studie 2018–2021 

Die an den Universitätsspitälern Genf (HUG) und Lausanne (CHUV) durchgeführte retrospektive Studie hatte erstmals die Erfassung von 740 Fällen sexueller Gewalt sowie die Analyse der soziodemografischen und klinischen Merkmale der Patient/innen in der Notfallversorgung ermöglicht. 

Die nun vorliegende prospektive Studie bestätigt eine Reihe zentraler Erkenntnisse: In der Mehrzahl der Fälle kennen die Betroffenen die Täterperson – meist handelt es sich um Freunde, Bekannte oder Intimpartner/innen. Diese Ergebnisse waren bereits im Rahmen der retrospektiven Studie ermittelt worden. Die Übergriffe ereignen sich überwiegend im privaten Umfeld, insbesondere in der eigenen Wohnung oder in der Wohnung der Täterperson. Die meisten Betroffenen (81 %) suchen innerhalb von 72 Stunden medizinische Hilfe auf. Auch die Häufigkeit und Verteilung körperlicher sowie anogenitaler Verletzungen sind vergleichbar. Alkoholkonsum wurde in rund sieben von zehn Fällen (69 %) genannt. 

 

Stärkung der rechtsmedizinischen Strukturen 

Die Studie wurde auch geographisch erweitert und die Repräsentativität der Ergebnisse erhöht, indem nun das Spital Wallis und alle öffentlich-rechtlichen Spitäler des Kantons Waadt, die die gleiche Art der forensischen Betreuung anbieten, einbezogen wurden. Die Studie wurde auch durch die interkantonale Informationskampagne gestärkt, die von der retrospektiven Studie inspiriert wurde. Die geplante Einbindung des Kantons Tessin stellt einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung einer nationalen Plattform dar. 

Eine weitere Neuerung dieser prospektiven Phase ist die Einführung eines standardisierten elektronischen Fallmeldeformulars (eCAS) an den Universitätsspitälern Genf (HUG). Dieses standardisierte Tool verbessert die Datenqualität und Vergleichbarkeit und könnte künftig landesweit als Vorlage dienen. 

Damit sind alle beteiligten Einrichtungen besser in der Lage, sexuelle Übergriffe frühzeitig zu erkennen, präzise zu dokumentieren und die Betroffenen langfristig zu begleiten. 

 

Weitreichende Auswirkungen für Prävention, Versorgung und Gesundheitspolitik 

Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit für den Ausbau spezialisierter psychologischer Nachsorgeangebote, insbesondere an Standorten, die bislang nicht über entsprechende Einrichtungen, wie etwa die interdisziplinäre Abteilung für Medizin und Gewaltprävention (UIMPV) an den Universitätsspitälern Genf (HUG), verfügen. Sie zeigen zudem den Bedarf an einer Standardisierung der Versorgungspfade zwischen den Kantonen zur Sicherstellung einer gleichwertigen und traumasensiblen Betreuung. Ebenso wird die Bedeutung der Aus- und Weiterbildung des medizinischen Personals im Bereich der Erstversorgung hervorgehoben, vorrangig mittels Simulationstraining. Nicht zuletzt betonen die Ergebnisse die große Bedeutung einer klaren und umfassenden Information der Patient/innen über mögliche Folgen eines Übergriffs sowie vorhandene Unterstützungsangebote. 

 

Ein bedeutender Meilenstein für das Verständnis und den Umgang mit sexueller 

Gewalt in der Schweiz Die Studie liefert eine wichtige Grundlage für die Umsetzung gesundheitspolitischer Massnahmen im Rahmen des Nationalen Aktionsplans zur Istanbul-Konvention (2022–2026) und bildet die Basis für den Aufbau eines Melderegisters für sexuelle Übergriffe in den Notfallstationen der Westschweiz, das als zentrales Instrument für die öffentliche Gesundheit und die juristische Verfolgung dient.

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HUG, Medien und Public Relations 
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Dernière mise à jour : 29/04/2026